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Zum 100-jährigen Bestehen setzt sich Deutschlands größte Fluggesellschaft Lufthansa öffentlich mit einem der dunkelsten Kapitel ihrer Geschichte auseinander: ihrer engen Verflechtung mit

dem NS-Regime.

Dieser Schritt markiert einen deutlichen Bruch mit jahrzehntelangen Versuchen des Unternehmens, sich von seiner Vergangenheit zu distanzieren. Lange hatte Lufthansa auf die rechtliche und organisatorische Trennung zwischen ihrer NS-Vorgängerin und der heutigen Nachkriegsgesellschaft verwiesen.

„Wir bei Lufthansa sind stolz auf das, was wir heute sind“, sagte Vorstandsvorsitzender Carsten Spohr laut am Mittwoch veröffentlichten Aussagen. „Die schwierigen, dunklen, schrecklichen Jahre auszublenden, wäre jedoch schlicht unehrlich.“

Bereits die Entscheidung, das 100-jährige Bestehen seit der Gründung der ersten „Deutschen Luft Hansa“ zu feiern, unterstreicht den Kurswechsel. Über viele Jahre hatte das Unternehmen betont, dass die heutige Lufthansa AG, gegründet 1953, nichts mit der ursprünglichen Luft Hansa gemein habe, die während des Dritten Reiches eng in den Staatsapparat eingebunden war und 1946 aufgelöst wurde. Diese Trennung diente vor allem dazu, rechtliche und reputative Risiken zu begrenzen.

Nun schlägt der Konzern einen anderen Ton an.

In den 1930er- und 1940er-Jahren fungierte Lufthansa faktisch als staatliche Fluggesellschaft. Mitglieder des Vorstands und des Aufsichtsrats traten ab 1930 der NSDAP bei, und das Unternehmen transportierte regelmäßig Regierungsvertreter. Die Aktivitäten gingen weit über den zivilen Luftverkehr hinaus: Lufthansa war in die Rüstungsindustrie eingebunden und arbeitete eng mit der Luftwaffe zusammen. 1944 entfielen mehr als zwei Drittel des Gesamtumsatzes auf den Rüstungsbereich.

Frühere Unternehmensführungen hätten die rechtliche Trennung vor allem aus Haftungs- und Imagegründen betont, erklärte Spohr. „Heute wollen wir Verantwortung übernehmen.“

Ein zentraler Schritt ist ein neues Buch zur Unternehmensgeschichte, das an alle mehr als 100.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verteilt werden soll. Ergänzt wird es durch eine Ausstellung im neuen Besucherzentrum der Lufthansa.

Bereits vor über 25 Jahren hatte der Konzern historische Forschung zu seiner NS-Vergangenheit in Auftrag gegeben. Damals jedoch vermied es Lufthansa, die Ergebnisse vollständig anzuerkennen – insbesondere im Hinblick auf das Ausmaß der Zwangsarbeit und die personellen Kontinuitäten nach dem Zweiten Weltkrieg.

Die nun veröffentlichten Forschungsergebnisse zeichnen ein deutlich schärferes Bild. Laut dem Historiker Manfred Grieger, der an dem Buch mitgewirkt hat, wurden mehr als 12.000 Menschen in der Rüstungsproduktion sowie in Reparatur- und Wartungsbetrieben der Luft Hansa ausgebeutet. Erst in jüngster Zeit sei zudem bekannt geworden, dass sich darunter auch Kinder befanden.

Mit der offenen Auseinandersetzung mit diesen Erkenntnissen versucht Lufthansa zum Jubiläum, unternehmerischen Stolz mit historischer Verantwortung zu verbinden – ein Balanceakt, dem sich viele deutsche Unternehmen auch fast 80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs weiterhin stellen müssen. Foto-TJDarmstadt, Wikimedia commons.