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Deutsche Archäologen haben die Überreste eines jüdischen Viertels aus der Vorkriegszeit im Herzen Berlins freigelegt und damit neues Licht auf eine Gemeinschaft geworfen, die durch die

Verfolgung der Nationalsozialisten und den Wiederaufbau der Nachkriegszeit nahezu ausgelöscht wurde.

Die Entdeckung wurde auf dem Marx-Engels-Forum gemacht, wo ein Team unter der Leitung des Archäologen Gerson Joite die Keller ehemaliger Wohnhäuser entlang der historischen Burgstraße untersucht. Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten dort Dutzende jüdischer Familien, und mehrere bedeutende kulturelle und religiöse Einrichtungen prägten das Viertel.

Zu den bekanntesten Gebäuden gehörte das berühmte Hotel „König von Portugal“, das über eine eigene Synagoge und eine koschere Küche verfügte — ein wichtiges Zentrum jüdischen Lebens. Während der NS-Zeit wurden diese Immobilien ihren jüdischen Eigentümern gewaltsam entzogen. Viele der verbliebenen Strukturen wurden später im Zuge umfassender Neubauprojekte in der Zeit der DDR zerstört.

Zu den jüngsten Funden zählen die Fundamente des Hauses Nr. 20, das einst dem Nobelpreisträger und Chemiker Richard Willstätter gehörte. Auch Überreste von Gebäuden des Sammlers Philipp Kossak wurden entdeckt, dessen Engagement dazu beitrug, seltene Briefmarken zu bewahren, die heute in Berliner Sammlungen aufbewahrt werden.

Nach Abschluss der archäologischen Arbeiten plant die Berliner Stadtverwaltung eine Neugestaltung des Areals. Vorgesehen sind unter anderem neue Treppen und Rampen zur Spreepromenade. Das Projekt stößt jedoch auch auf Kritik von Historikern und Stadtforschern.

Der Stadtforscher Benedict Gebel erklärte, dass rund 20 Prozent der Flächen in diesem Gebiet bislang nicht gerecht an die Erben der früheren Eigentümer zurückgegeben worden seien. Die gezahlten Entchädigungen hätten, sofern sie überhaupt erfolgten, nur „einige Prozent des tatsächlichen Wertes“ betragen.

Für die Forschenden stellen die Entdeckungen nicht nur einen bedeutenden archäologischen Durchbruch dar, sondern auch eine neue Gelegenheit, ungelöste Fragen historischer Gerechtigkeit aufzuarbeiten. Foto-Unbekannter Fotograf der Epoche, Wikimedia commons.